14 Tage – Vom Sentiero Italia in die Quarantäne

Genau vor 14 Tagen saß ich morgens in Salerno am Mittelmeer und habe meinen letzten Beitrag geschrieben. An diesem Tag klang noch meine Entschlossenheit durch dennoch in Italien zu wandern. Doch wie so viele Menschen auf der Welt haben auch die Folgen der Corona-Krise vor mir kein Halt gemacht. Vorab kurz zur Info, dass es mir gut geht und ich gesund bin bzw. keine Symptome habe/hatte. Gerne möchte ich aber meine Erlebnisse und Gedanken mit euch teilen.

Der Dienstag (10. März 2020) letzte Woche, war ein krasser Tag und ich werde diesen nicht so schnell in meinem Leben vergessen. Als ich in Salerno in den frühen Vormittagsstunden los lief in Richtung des Kastells, war ich wie gesagt noch frohen Mutes und ging davon aus, dass ich weiter in Mittelitalien unterwegs sein kann. Ich selber wusste damals noch nichts von den neuen Maßnahmen, welche an diesem Tag in Kraft traten. So wanderte ich bis 11 Uhr und hatte dann vor nach Pompeij mit dem Zug zu fahren. Soweit so gut, spürte ich dann in Pompeij, was auf mich in den nächsten Wochen zukommen wird. Die Straßen war so leer an diesem Ort. Ich konnte mir auch nicht die Ausgrabungsstätte anschauen, da dies ein öffentlicher Ort ist. Auch der Nationalpark Vesuv wurde gesperrt. Sofort fing ich an, mir Gedanken über meine Rückreise zu machen und ich entschied mich nach Wien zu reisen und dort weiter zu wandern. Als Notlösung war der Heimflug nach Deutschland geplant und daher checkte ich Schlafmöglichkeiten in der Familie ab. So fuhr ich nach Neapel und mit den nächstmöglichen Zug nach Rom, da der Nachtzug nach Wien von Rom aus startet. Der Zug nach Rom war gespenstisch leer und ich saß tatsächlich nur mit einer Person im Abteil… Das war verrückt! Um kurz nach 17 Uhr kam ich nun am Hauptbahnhof in Rom an. Während der Fahrt probierte ich schon die Karte nach Wien zu buchen, aber es ging nicht. Ich probierte es bei meiner Ankunft in Rom, aber auch am Automat ging das Ticket nicht zu lösen. Mit Hilfe der Polizei fand ich die Ansprechpersonen der dortigen Bahn und erfuhr, dass Österreich alle Einreisen aus Italien verboten hat. Zu diesem Zeitpunkt war ich natürlich sehr niedergeschlagen und ich begriff, dass ich nun auch in einem Risikogebiet war. Leider war nach dem Spießrutenlauf nun auch alle Geschäfte zu, da ab heute das Schließzeit 18:00 Uhr galt. Ich hatte zum Glück noch zwei Brötchen, Nutella und etwas Aprikosenmarmelade im Rucksack. Das erste Problem war gelöst, aber das zweite sollte folgen… Was mach ich heute Nacht? Ein Flug ging nicht mehr nach Deutschland, daher muss ich irgendwo übernachten. Die Hotels hier waren aber alle ausgebucht, da es nur so an Touristen wimmelte die nach Hause wollten. Ich buchte schnell meinen Flug für den nächsten Abend nach Frankfurt und klärte mit meiner Mutter ab, dass ich bei Ihr schlafen könnte. Erste Regel beim Reisen bzw. Wandern ist, wenn du gerade mit der Situation überfordert bist – Erst einmal den Hunger stillen und etwas essen!

Meine Mahlzeit im Bahnhof von Rom. Die Polizisten waren sehr nett und lächelten bei meiner Aktion. 😉

Ich entschied mich dann während dieser Mahlzeit zum Flughafen zu fahren und dort zu übernachten. Ich fühlte mich bei dem Gedanken sicherer als am Bahnhof zu übernachten. Mir war es gleich, wo ich schlafen würde, weil ich eh kein Auge zu machen werde und am Flughafen habe ich wenigstens WLAN und die Möglichkeit mein Handy aufzuladen. Also machte ich mich auf in Richtung Flughafen. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass einige Menschen dort bereits gestrandet sind. Einer Obdachlosen aus Deutschland, welche schon länger in Rom „lebt“, schenkte ich einen Kaffee. Ich selber schaute mal beim Hilton Hotel vorbei, aber die hatten nur noch Zimmer für eine Nacht mit 185 € ohne Frühstück. Ich musste leider ablehnen und machte mich zurück zum Flughafengebäude. Die Kosten für die Unterkunft hätten meine bisherigen Kosten auf meiner Wanderung an einem Abend überstiegen… Mir war das nicht Wert und so verbrachte ich den Abend als „Gestrandeter“ im Flughafen. Der Abend bestand aus Luft schnappen im Außenbereich, Netflix schauen, Musik hören und versuchen zu schlafen. An diesem Abend war ich so glücklich darüber meine Schaumstoffmatte zu haben. Ich konnte erstaunlich gut auf dem Boden schlafen und wusch mich so gut es ging vor der Öffnung des Café auf der öffentlichen Toilette… Wer braucht schon Luxus 😀

Ich checkte dann relativ früh ein und vertrieb mir die Zeit im DutyFree-Bereich. Auch wir war Musik und Netflix mein Freund. 😀 Ach und nur mal nebenbei: So eine Nacht am Flughafen ist schon interessant. Man lernt die verschiedenen Abläufe kennen. 😀 Im Nachhinein kann ich natürlich darüber schmunzeln, aber jeder wird sich vorstellen können, dass ich ziemlich niedergeschlagen war. Der Flug verlief reibungslos und ich glaube meine Mutter hat mich noch nie so still erlebt. Neben der Niedergeschlagenheit war ich natürlich auch entsetzlich müde. Erst eine Nacht im Schlafwagen, welche nicht ruhig ablief und dann die Nacht im Flughafen hinterließen natürlich ihre Spuren. Nach einer kurzen Dusche und einem Abendessen ging es sofort ins Bett.

Die nächsten Tage waren für mich alles andere als leicht. Ich musste natürlich zusamen mit meiner Mutter in Quarantäne und versteckte mich somit hinter Bücher. Ich war fast 3 Wochen frei, ich spürte die pure Freiheit in der Natur und dann bist du auf einmal eingesperrt. Das war nicht leicht… Innerhalb von ein paar Tagen hatte ich mehr als 1000 Seiten hinter mir. Als erstes laß ich natürlich „Der Pate“, da ich nochmal die Erinnerungen an Sizilien haben wollte. Ich kann den Moment nicht beschreiben als ich die Stellen las, wo Mario Puzo beschrieb, wie Michael Corleone die Zeit auf Sizilien verbrachte. Jeder der den Film kennt, sollte dringend das Buch lesen! Die Erzählungen wie Michael Sizilien kennen lernt und durch den Wald von Ficuzzia wandert, waren für mich nochmal eine Reise zurück. Durch den selben Wald lief ich auch und ich kann die Schönheit einfach nur teilen! Ach, ich vermisse Sizilien… Es ist eine wunderbare Insel, welche ich definitiv nochmals besuchen werde in meinem Leben! Das steht fest! Noch jetzt wenn ich darüber schreibe, liegt der Frühlingsduft in meiner Nase – selbst wenn ich gerade die Mandelblüte in der Pfalz erleben darf!

Viel zu erzählen aus der Zeit in Quarantäne gibt es nicht. Nach „Der Pate“, „Im Meer schwimmen Krokodile“ und „Fabian“ bestellte ich mir neue Bücher. Diese hatte ich zum Glück meiner Mutter zur Verwahrung geschickt. Auch die letzten beiden empfehle ich. Ich möchte euch auch kurz zwei Ausschnitte der beiden Bücher wiedergeben:

„Fabian“ von Erich Kästner ist ein Buch, welches 1930 erschien und überspitzt die Lage in Berlin bzw. auf der Welt darstellen sollte. Es ist ein starkes Buch, wo Kästner das Kinderbuch-Autor-Dasein hinter sich ließ und als Satiriker auftrat. Dieses Buch wurde damals auch von den Nazis verboten und verbrannt. Mich wunderte es wirklich, dass er deswegen nicht inhaftiert wurde. Versetzt euch kurz in die damalige Lage und ihr werdet merken, wie erschreckend, stark die Aussagen auf die Krisen 2020 passen!

„…In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden. In Frankreich jammern die Weinbauern, dass die Ernte zu gut gerät. Stellen Sie sich vor. Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und andere haben nichts zu fressen! Wen in so eine Welt kein Blitz fährt, dann können sich die historischen Witterungsverhältnisse begraben lassen… Wenn das, woran unser geschätzter Erdball heute leidet, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie habe die Paralyse. Und sicher ist Ihnen allen bekannt, dass dieser äußerst unerfreuliche Zustand mitsamt seinen Folgen nur durch eine Kur heilbar ist, bei der es um Leben und Tod geht. Was tut man mit unserem Globus? Man behandelt ihn mit Kamillentee. Alle wissen, dass dieses Getränk nur bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten und Tee trinken, denkt man, und so schreitet die öffentliche Gehirnerweichung fort, dass es eine Freude ist. Wir werden nicht zugrunde gehen, dass einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, dass einige von diesen und jenen mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller Beteiligen zugrunde. Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, dass wir uns ändern. „Wozu sind die anderen da?“ denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl. Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin Geld, wo wenig ist…. Der Blutkreislauf ist vergiftet… „Sie werden einwenden, es gebe ja zwei große Massenbewegungen. Diese Leute, ob sie nun von rechts oder links anmarschieren, wollen die Blutvergiftung heilen, indem sie dem Patienten mit einem Beil den Kopf abschlagen. Allerdings wird die Blutvergiftung dabei aufhören zu existieren, aber auch der Patient, und das heißt, die Therapie zu weit treiben.“

Das zweite Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“ ist von Fabio Geda und erzählt eine Geschichte von einem Flüchtling aus Afghanistan. Man hört immer wieder viele Geschichten und viele die mich kennen, wissen wie stark mich dieses Thema immer wieder umtreibt. Diese Geschichte hat für den Jungen zwar ein Happy End, aber es zeigt deutlich den Preis, den er dafür hat bezahlen müssen. Es ist kein großes Buch und sehr einfach geschrieben, doch man wird es nie vergessen… Ich habe hier ein Auszug, welches davon handelt, wo Enaiat entscheidet auszuwandern. Der Autor stellt Ihm immer wieder Fragen in diesem Buch und dadurch wird das Buch sehr persönlich… Er war als Kind (9 Jahren) auf sich gestellt und verdiente sich Geld auf Baustellen im Iran. Zu diesem Augenblick war ca. 4 Jahre im Iran und brach von der Baustelle aus los nach Europa:

„Wie kann man so mir nichts, dir nichts sein Leben ändern, Enaiat? Sich an einem ganz normalen Vormittag von allen verabschieden?“ Man tut es einfach, Fabio, und denkt nicht weiter darüber nach. Der Wunsch auszuwandern entspringt dem Bedürfnis, frei atmen zu können. Die Hoffnung auf ein besseres Leben ist stärker als alles andere. Meine Muter zum Beispiel wusste, dass ich ohne sie in Gefahr bin. Aber dafür war ich unterwegs in eine andere Zukunft. Und das war besser, als in ihrem Beisein stets in Gefahr zu sein und ständig in Angst leben zu müssen.“

Ja, und jetzt? Ich lese derzeit „Anne Frank – Das Tagebuch“. Ich will hier jetzt keine Stelle zitieren, aber wer meint daheim ist es so schlimm und die Decke fällt mir auf dem Kopf, der sollte sich das Buch nehmen, welches die Zeit im Versteck der jüdischen Familie in Amsterdam beschreibt…

Ich persönlich freue mich über die außerordentliche Solidarität in diesem Land, welche es aber überall in Europa gibt. Das einzige was es nicht gibt, ist der Reichtum den wir in Deutschland haben. Ich habe schon vor 2 Wochen die Gesichter der Italiener gesehen, die leeren Straßen und die verzweifelten Blicke der Menschen lassen mich auch ehrlich gesagt nicht los. Durch diese Zeit in Italien, wo man wirklich „live“ mitbekommen hat, was dieser Virus anrichtet, bringt dich näher an das Land und lässt dich über das ein oder andere anders Denken. Wir sind aktuell wirklich nicht schlimm dran, wenn wir es mit Italien vergleichen. Unsere Wirtschaft ist stärker und auch die Mehrzahl der Deutschen haben mehr Geld auf der Seite. Ich hoffe, dass wir nicht so schlimme Todeszahlen wie in Italien haben werden und dennoch sollten wir alle an die Länder und Hinterbliebenen denken, hoffen und beten, dass der Virus besiegt wird.

Ich für meinen Teil bin seit heute wieder auf den Beinen und helfe beim Spargel stechen hier in der Nähe bei meiner Mutter. So kann ich die Flug- und Zugkosten wieder reinholen und muss nicht daheim rumsitzen. Es tut gut wieder an der frischen Luft zu sein und anderen Menschen zu helfen.

Bleibt gesund, lest das eine oder andere Buch, anstatt nur vor dem Fernseher oder dem Smartphone zu kleben und lasst euch nicht unterkriegen! Euch und eurer Familie alles Gute! Mir geht es gut und ich denke allein schon die Zeilen oben sagen aus, dass uns diese Entschleunigung vielleicht auch mal wirklich gut tut!

Euer Michi 😉

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6 Kommentare

  1. Allmächt, miese Priese

    Tjaja, die Seuche verändert von so Manchem die Pläne, aber variety is the spice of life und so.

    Hoffe du bloggst trotzdem weiter und begehst weitere Abenteuer, sonst wirds in meinem Feed so langweilig 🙂

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  2. Tja schade…aber immer die positive Seite sehen…es hätte tatsächlich auch noch schlimmer kommen können 😦

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  3. Ich danke dir für diesen Beitrag. Hast du dich gefragt, warum es so viele Tode gab? Warum gerade Norditalien? In Norditalien gibt es sehr viele Chinesen, welche in den italienischen Textilfabriken arbeiten. Die Stadt Prato ist beispielsweise eine davon. Oft nicht unter sehr guten Bedingungen. Die italienische Bevölkerung leidet sehr unter diesem Missstand.
    Sizilien ist kaum von der Pandemie betroffen, weil sie niemanden mehr auf die Insel rein gelassen haben. Es gibt derzeit keine Flüge und die Fähre von Messina fährt auch nicht mehr.
    Der Virus und die vielen Toden in Verbindung mit den strengen Auflagen der Ausgangssperre, haben die Italiener in Angst versetzt. Was auch nachvollziehbar ist. Hoffen wir das es durch die heutigen Lockerung in Italien kein Rückschlag gibt.

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